Ist KI eine Blase? Philosophische und historische Einordnung. Teil 1

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1. Was ist überhaupt eine „Blase“? Eine philosophische Annäherung.

a) Die Blase als kollektive Erzählung

Eine Blase entsteht nicht nur durch hohe Preise, sondern vor allem durch gemeinsame Geschichten, an die viele gleichzeitig glauben:

  • „Diesmal ist alles anders.“
  • „Diese Technologie wird alles verändern.“
  • „Wer nicht investiert, verpasst die Zukunft.“

Philosophisch betrachtet ist eine Blase deshalb ein sozialer Konsens, der sich selbst verstärkt. Sie existiert, weil Menschen gemeinsam eine künftige Realität imaginieren, oft bevor sie wirtschaftlich greifbar ist.

b) Die Blase als Konflikt zwischen Hoffnung und Wirklichkeit

Blasen entstehen am Schnittpunkt zweier menschlicher Konstanten:

  • Hoffnung (Wachstum, Fortschritt, Reichtum)
  • Begrenzte Realität (Ressourcen, Mathematik, Physik)

Der Markt bepreist die Hoffnungen höher als die Realität. Erst wenn diese Kluft zu gross wird, platzt die Blase.

c) Die Blase als notwendige Phase der Innovation

Philosophen der Technikgeschichte würden sagen:

Fortschritt entsteht oft durch übertriebene Erwartungen.

Ohne Übertreibung gäbe es:

  • weniger Kapital,
  • weniger Mut,
  • weniger Experimente.

Eine Blase ist also nicht nur Fehlallokation, sondern auch ein Motor des Fortschritts, der Technologien schneller wachsen lässt, als es ohne Begeisterung möglich wäre.

2. Historische Perspektive: Was zeigen uns frühere Blasen?

a) Tulpenblase (1637): Die Projektionsfalle

Die Tulpenkrise zeigt, wie Menschen Wert in etwas hineinprojizieren, das objektiv kaum Wert hat.

Lehre: Wert ist sozial konstruiert. Wenn alle glauben, etwas sei wertvoll, wird es wertvoll – bis die Erzählung bricht.

b) Eisenbahnblase (1840er): Wahre Innovation, falsches Timing

Eisenbahnen veränderten die Welt tatsächlich. Trotzdem entstand eine Blase, weil:

  • jeder Investor annahm, jedes Bahnprojekt werde profitabel,
  • die Nachfrage überschätzt wurde.

Lehre:
Auch echte Mega-Innovationen können Blasen erzeugen, wenn Kapital schneller fliesst als reale Umsetzung.

c) Dotcom-Blase (1995–2000): Technologie vs. Geschäftsmodell

Das Internet war revolutionär, aber viele Firmen hatten:

  • keine Umsätze,
  • keine Kunden,
  • kein funktionierendes Geschäftsmodell.

Lehre:
Technologie allein trägt kein Unternehmen. Es braucht Cashflow.

Interessant: Die langfristigen Gewinner wie Amazon, Google oder eBay überlebten die Blase – und dominieren heute.

d) Finanzkrise (2007/08): Die Illusion der Sicherheit

Hier war die Blase ein systemischer Irrtum:

  • komplexe Finanzprodukte wurden als „risikoarm“ wahrgenommen,
  • Risiken wurden falsch modelliert.

Lehre:
Blasen entstehen oft durch kollektive Blindheit gegenüber seltenen Risiken.

3. Gemeinsame Muster aller Blasen

a) Übertriebene Wachstumsannahmen

Menschen extrapolieren gerade Linien ewig nach oben.

b) Narrativer Sog

Ein überzeugender Zukunftsmythos zieht Kapital an.

c) Kapital fliesst schneller als echte Wertschöpfung

Die „Realwirtschaft“ kann nicht mit dem Kapitalzufluss mithalten.

d) Neue Bewertungskriterien

In Blasen hört man oft:

  • „Bewertung spielt keine Rolle.“
  • „Dieses Mal ist es anders.“ (fast immer ein Warnsignal)

e) Am Ende: Ernüchterung und Konsolidierung

Wert fällt zurück auf die Basis:

  • reale Gewinne,
  • reale Nachfrage,
  • reale Produktivität.

4. Warum der Begriff „Blase“ auch gefährlich ist

Der Begriff ist zweischneidig:

  • Er warnt vor Übertreibungen.
  • Aber er kann auch verhindern, dass man echte Innovation erkennt.

Zwei Fehler sind möglich:

  • Falscher Alarm: Man nennt alles eine Blase, was neu und schnell wächst.
  • Blinder Hype: Man sieht Risiken nicht, weil man Angst hat, etwas zu verpassen.

5. Was bedeutet das für die „KI-Blase“?

Bevor wir die KI-Situation beurteilen, sollten wir klären:

  • Welche Elemente entsprechen typischen Blasenmustern?
  • Welche entsprechen echter fundamentaler Innovation?
  • Welche Teile des Marktes sind überhitzt – welche sind gesund?

Die Unterscheidung ist zentral:
Man kann eine Technologie feiern und trotzdem erkennen, wo Übertreibung stattfindet.

Hinweis: Dieser Beitrag dient ausschliesslich Informations- und Bildungszwecken. Er stellt weder eine Anlageberatung noch eine Empfehlung zum Kauf oder Verkauf von Finanzinstrumenten dar. Trotz sorgfältiger Recherche wird keine Gewähr für die Aktualität, Richtigkeit oder Vollständigkeit der Inhalte übernommen. Kapitalanlagen unterliegen Marktschwankungen. Eine individuelle Beratung unter Berücksichtigung der persönlichen finanziellen Situation wird empfohlen.

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