Sind ETFs risikolos?

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ETFs gelten heute für viele Anleger als eine besonders sichere Form der Geldanlage. Tiefe Kosten, hohe Transparenz und eine breite Streuung führen oft zu der Annahme, dass ETFs kaum Risiken beinhalten. Diese Vorstellung ist verständlich, aber sie ist nicht korrekt. Ein ETF ist kein Sparkonto und auch kein Sicherheitsversprechen. Wer in ETFs investiert, ist immer den Schwankungen der Kapitalmärkte ausgesetzt.

Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, ob ETFs Risiken haben, sondern welche Risiken bestehen und wie gut sie verstanden werden.

Ein ETF ist nur so sicher wie der Markt, den er abbildet

Ein ETF ist kein eigenständiges Anlageprodukt mit eigener Wertentwicklung. Er bildet einen bestimmten Index nach. Entwickelt sich der Index positiv, steigt auch der ETF. Fällt der Index, verliert der ETF an Wert. Wer beispielsweise in einen MSCI World ETF investiert, beteiligt sich an grossen Unternehmen aus Industrieländern mit einem starken Schwerpunkt auf den USA. Ein SMI ETF wiederum spiegelt die Entwicklung des Schweizer Aktienmarktes wider, der stark von wenigen Grosskonzernen geprägt ist.

Das Risiko liegt daher nicht im ETF selbst, sondern im Markt, den er abbildet.

Marktrisiko bleibt immer bestehen

Das zentrale Risiko bei Aktien ETFs ist das Marktrisiko. Aktienmärkte schwanken, teils deutlich und teils über längere Zeiträume. Auch breit diversifizierte ETFs können in Krisenphasen spürbare Verluste erleiden. Die Finanzkrise 2008 führte zu massiven Einbrüchen an den globalen Aktienmärkten. Im Frühjahr 2020 kam es während der Corona Pandemie innerhalb weniger Wochen zu starken Kursrückgängen. Auch im Jahr 2022 verzeichneten viele Aktien und Obligationen ETFs gleichzeitig Verluste.

ETFs dämpfen diese Schwankungen nicht. Sie bilden sie direkt ab.

Kein Emittentenrisiko aber Strukturverständnis ist wichtig

Ein wesentlicher Vorteil von ETFs liegt in ihrer rechtlichen Struktur. Das Fondsvermögen gilt als Sondervermögen und ist damit vom Vermögen des Anbieters getrennt. Sollte ein ETF Anbieter in finanzielle Schwierigkeiten geraten, bleibt das investierte Kapital grundsätzlich geschützt.

Trotzdem lohnt es sich, die Struktur eines ETFs zu verstehen. Physisch replizierende ETFs halten die im Index enthaltenen Wertpapiere direkt. Synthetische ETFs arbeiten mit Tauschgeschäften und Gegenparteien. Beide Varianten sind reguliert und für Privatanleger zugelassen, unterscheiden sich jedoch in ihrer Funktionsweise und in den Detailrisiken.

Konzentrationsrisiken werden oft unterschätzt

Viele Anleger gehen davon aus, mit einem einzigen ETF automatisch optimal diversifiziert zu sein. In der Praxis ist das nicht immer der Fall. Ein MSCI World ETF weist eine starke Gewichtung der USA auf. Technologieunternehmen haben einen hohen Anteil und einzelne Grosskonzerne beeinflussen die Entwicklung des Index überproportional.

Diese Konzentration ist kein Fehler des ETFs, sondern eine Folge der Marktkapitalisierung. Dennoch stellt sie ein Risiko dar, das bewusst getragen werden sollte. Diversifikation bedeutet nicht nur viele Titel zu halten, sondern auch unterschiedliche Regionen, Branchen und Anlageklassen zu berücksichtigen.

Zeit ist der wichtigste Risikofilter aber keine Garantie

Langfristig haben Aktienmärkte historisch positive Renditen erzielt. Mit zunehmendem Anlagehorizont nahm in der Vergangenheit die Wahrscheinlichkeit von Verlusten ab. Das bedeutet jedoch nicht, dass Verluste ausgeschlossen sind. Wer zu einem ungünstigen Zeitpunkt investiert und das Kapital frühzeitig benötigt, kann auch mit ETFs Verluste realisieren.

ETFs schützen nicht vor Timing Fehlern. Sie erfordern eine klare Strategie, Geduld und einen Anlagehorizont, der zu den persönlichen Zielen passt.

ETFs sind kein Sicherheitsversprechen sondern ein Werkzeug

ETFs sind effiziente, transparente und kostengünstige Instrumente für den langfristigen Vermögensaufbau. Sie reduzieren viele typische Fehler klassischer Anlageprodukte, aber sie eliminieren kein Risiko. Das grösste Risiko liegt oft nicht im Produkt, sondern im Verhalten der Anleger. Unrealistische Erwartungen, zu kurze Anlagezeiträume oder panikartige Verkäufe in schwierigen Marktphasen führen häufig zu unnötigen Verlusten.

Wer ETFs als Werkzeug zur strukturierten Beteiligung an den Kapitalmärkten versteht, trifft in der Regel bessere Entscheidungen als jemand, der sie als sichere Anlage betrachtet.

Fazit

ETFs sind nicht risikolos. Sie machen Risiken jedoch transparent, nachvollziehbar und kalkulierbar. Genau darin liegt ihre Stärke. Wer diese Risiken kennt und bewusst eingeht, kann ETFs sinnvoll und langfristig für den Vermögensaufbau einsetzen.

Hinweis: Dieser Beitrag dient ausschliesslich Informations- und Bildungszwecken. Er stellt weder eine Anlageberatung noch eine Empfehlung zum Kauf oder Verkauf von Finanzinstrumenten dar. Trotz sorgfältiger Recherche wird keine Gewähr für die Aktualität, Richtigkeit oder Vollständigkeit der Inhalte übernommen. Kapitalanlagen unterliegen Marktschwankungen. Eine individuelle Beratung unter Berücksichtigung der persönlichen finanziellen Situation wird empfohlen.

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